Tanias Story

La Paz, Bolivien, Mitte der Sechziger Jahre. Aufgeplusterte Generäle um René Barrientos, den korrupten Staatschef. Ein lethargischer Provinzposten des US-Imperialismus, hoch in den Anden gelegen, von der Welt vergessen. Unter den lokalen Bonzen verkehrt eine junge Frau. Schön, ehrzgeizig, Trophäe in einer Machowelt, bereit, alles für ihre Karriere zu tun, eine elegante Opportunistin. So scheint es... aber der Schein trügt.

Sie lebt in einer Lüge, seit Jahren schon. Mehrmals am Tag verrät sie ihre tiefsten Überzeugungen, um ihnen gleichzeitig zu dienen - der großen Idee, dem geheimen Plan. Sie wartet auf Che Guevara. Er hat der Welt geschworen, die kubanische Revolution nach ganz Lateinamerika zu tragen. Nur sie weiß, wo dieser Kampf beginnen wird. Den Auftrag, alles vorzubereiten, hat sie von Che persönlich bekommen. So sammelt sie Informationen und zählt die Tage. Fern vom mondänen Buenos Aires, wo sie geboren ist, fern vom Land ihrer Eltern, dem sozialistischen Deutschland, fern vom lebenslustigen, befreiten Havanna. Der kubanische Geheimdienst hat ihr den Decknamen Tania gegeben.

An einem Abend im November 1966 ist es soweit: Che Guevara und eine Handvoll Mitstreiter tauchen, unbemerkt von den Geheimdiensten der Welt, in Tanias Wohnung auf. Unter ihnen Marcos, in Kuba längst Revolutionsheld und Mitglied des Politbüros, hier wieder das, was er eigentlich sein will: Der ewige Guerrillero. Die Männer sind auf der Durchreise in den Dschungel, wo der Kampf beginnen soll. Sie kommen und gehen wie ein sehnsuchtsvoller Traum. Nicht nur das Wiedersehen mit Che Guevara, vor allem die kurze Begegnung mit Marcos hat einen tiefen Eindruck bei Tania hinterlassen.

Ihre Aufgabe in La Paz ist nun wichtiger als je zuvor – und gleichzeitig hoffungsloser. Sie soll weiterlügen und weiter Champagner trinken – während anderswo die Waffen endlich Klartext reden. Und doch ist sie für diesen Dienst bereit – bis sie mitten am Tag zusammenbricht und im Hospital erfährt, dass sie Krebs hat. Eine sofortige Rückkehr zu ihren Eltern nach Deutschland könnte sie retten – vielleicht. Tania aber entscheidet sich für einen anderen Weg: Jeden kostbaren Tag, der ihr noch bleibt, so gut wie möglich zu nutzen.

Entgegen ausdrücklichen Befehlen macht sie sich auf den Weg in das Dschungelcamp, wo die Kämpfer auf ihren Einsatz warten. Aber sie kommt nicht dazu, Che von ihrer Krankheit zu berichten. Zwei bolivianische Deserteure haben das Lager – und auch ihre Agententarnung – an die Armee verraten. Nun muss sie bleiben und kämpfen, es gibt kein Zurück. Sie begrüßt die Gefahr und die Klarheit wie eine Erlösung. Nur die Gegenwart von Marcos, dem Mann, der mit Che in ihr Leben nach La Paz kam, verwirrt sie. Er sucht ihre Nähe, gegen den Willen von Che, der die beiden auch mit dem Gefühl von Eifersucht beobachtet. Dass Tania todkrank ist – das darf jetzt keiner mehr erfahren. Sie will ihren Weg zu Ende gehen, ohne bemitleidet oder bevorzugt zu werden.

Schnell ist von Guerillaromantik nichts mehr zu spüren: Die Märsche sind brutal, das Essen wird eisern rationiert, und Che, der manchmal selbst fast an seinem Asthma erstickt, kennt nicht die geringste Gnade – am wenigsten mit sich selbst. Sein Plan, lokale Campesinos für den Kampf zu gewinnen, macht keine Fortschritte: zu sehr müssen sie sich verstecken, zu fremd erscheinen sie den verstreuten Bauern, denen sie begegnen. Doch während die allgemeine Stimmung sinkt, macht Tania existenzielle neue Erfahrungen, die sie die Schmerzen fast vergessen lassen: Das Adrenalin der Gefahr, die Todesverachtung der kubanischen Veteranen, der erste Gefallene. Den Umgang mit der Waffe kennt sie noch aus dem DDR-Schützenverein, den Umgang mit der Angst muss sie erst lernen.

Dabei hilft ihr Marcos, der hier im Dschungel der Mann mit dem schweren Maschinengewehr ist. Er ist einerseits ein Kampfmaschine, andererseits ruht er ganz in sich selbst: Er hat eine physische Präsenz, der Tania sich immer weniger entziehen kann, und einen unabhängigen Kopf, der es ihm erlaubt, die Wahrheit von Ches Fehleinschätzungen zu sehen.

Denn für jeden, der nicht blind ist, wird bald klar: Hier gibt es keine vorrevolutionären Massen, kein neues Vietnam und nichts zu gewinnen. Zudem kann Tania die Schwächung durch ihre Krankheit nicht länger verbergen – weil sie oft zurückbleibt, wird sie von Che der Nachhut zugeordnet. Sein Plan, in getrennten Gruppen vorzurücken, erweist sich als schicksalhafter Fehler: Die Einheiten finden nicht mehr zusammen, Che und die Vorhut bleiben verschwunden. Die Nachhut ist ein ziemlich desolater Haufen, geführt von dem zögerlichen Joaquin. Gottseidank aber ist auch Marcos dabei, der wegen seiner offenen Kritik an Che degradiert wurde.

Die todgeweihte Agentin und der entehrte Kämpfer verlieben sich – ein letztes Aufflammen der Leidenschaft in fast schon hoffnungsloser Lage. Immer öfter schleicht sich der Gedanke ans Aufgeben ein, sogar bei Marcos, der auf ein neues Leben mit Tania hofft. Sie müsste ihm sagen, dass es dieses neue Leben nicht mehr geben kann, zu weit ist ihre Krankheit fortgeschritten – aber sie bringt es nicht übers Herz. Er nimmt schließlich seinen ganzen Mut zusammen und stellt ihr die entscheidende Frage, die für jeden Guerrillero Hochverrat ist und doch gestellt werden muss: Ist die Liebe am Ende nicht wichtiger sei als jede revolutionäre Idee?

Tania weiß, welche Antwort sie geben würde, aber sie kann es nicht mehr: Alles, was sie will, ist in Würde zu sterben. Mit ihrer todesmutigen Entschlossenheit zieht sie sogar die anderen Kämpfer immer wieder mit. So wird sie „Tania la Guerrilla“ - gefürchtet von den Soldaten der Armee, noch heute eine Legende im bolivianischen Hochland.

In einem Gefecht mit den bolivianischen Rangers scheint ihr Todeswunsch endlich in Erfüllung zu gehen – aber Marcos opfert sein eigenes Leben, um sie zu retten. Sie trauert um den Geliebten, aber sie weiß, dass er ihr nur ein paar Schritte vorausgegeht: Die Soldaten rücken immer näher, der letzte Verräter ist schon bezahlt – und an der Biegung des Rio Grande wartet der letzte Hinterhalt...